Die Sehenswürdigkeiten von Fernwest – dem Land der Diebe, Mörder und Karatekas

von Takal´Mor Wark, niedergeschrieben von Karam

(Warum reicht es bei so vielen Zwergen eigentlich gerade mal zum Ausfüllen des Musterungsformulars? Haben die keine Schulpflicht? – Anm. d. Schreibers)

Endlich war der Tag gekommen, an dem ich mich mit meinen Fähigkeiten und meiner Erfahrung im Kampf für den Rang eines Zalkh´Batar qualifiziert hatte. Zuletzt hatte ich ein paar Mönchen und einem üblen Drachen zu einer Party bei Lars verholfen. Nun stand die letzte und zweifellos ehrenvollste Aufgabe an: Ich durfte der Bibliothek des Struvs einen eigenen Beitrag hinzufügen und so zukünftigen Generationen von Trves einen Teil meiner Kenntnisse weitergeben.

Ich ging also zum Kommandanten, um zu erfahren, welches Thema er für mich vorgesehen hatte. Nicht ohne Sorgen wartete ich, während Brieseltrim mit dem Papierchaos kämpfte. Ich dachte unentwegt an einige der Generäle, die ihren Bericht zwar pflichtbewusst angefertigt hatten, bei denen aber beim sprichwörtlichen Blümchenpflücken oder beim Kampf mit einem schlappen Drachen, den jeder mittelmäßige Abenteurer schafft, wohl nicht viel Freude aufkam.

Brieseltrims Stimme riss mich aus meinen Gedanken. „Ah, da haben wir´s ja. Also mir ist aufgefallen, dass du dich im Morgengrauen nicht so besonders auskennst. Wenn du immer nur in irgendwelchen Kneipen herumhängst, kannst du den Titel eines Zalkh´Batar vergessen. Deshalb darfst du einen Bericht über Fernwest anfertigen. Oder ist dir das Gebiet zu klein?“ „N… Nein,“ stammelte ich, noch überrascht von dieser doch wohl etwas übertriebenen Kritik, „das ist groß genug.“ „Na dann setz dich mal in Bewegung, ich werde nicht ewig warten. Und dass du mir bloß keinen Kneipenführer ablieferst, ich will was über ein paar echte Sehenswürdigkeiten lesen.“

Ich stolperte aus dem Raum heraus, worauf mich gleich Kloiren ermahnte, ich müsse als zukünftiger General deutlich mehr Haltung zeigen. Schnell hatte ich mich aber gefasst. Eigentlich war das Thema sogar ein Glücksgriff. In einer ganzen Region sollte sich doch etwas finden lassen, worüber sich ein guter Bericht schreiben lässt. Obwohl Kloiren mir einen ermutigenden Blick zuwarf, verkniff ich mir eine Frage nach einem Zuschuss zu den Reisekosten und machte mich auf den Weg durch das halbe Morgengrauen in Richtung Karawanensammelplatz.

Die Reise nach Fernwest

Als ich den Sammelplatz erreichte, herrschte dort ein geschäftiges Treiben. Obwohl mir als Seher schnellere und bequemere Transportmittel zugänglich waren, hatte ich mich für diese altmodische Art des Reisens entschieden. Schon lange war ich hier nicht mehr gewesen, doch der Bürokratismus der Beamten in Fernwest war mir noch gut in Erinnerung. So führte mein Weg mich zuerst in das Zelt des Karawanenmeisters, wo man eine Einreisegenehmigung für Fernwest erwerben konnte. Auch bezahlten hier die Reisenden die Kosten für den Transport ihrer selbst und ihres Gepäcks. Mein Interesse galt jedoch einer Reise als Karawanenwächter, womit man die Reisekosten sparen kann, wenn man die nicht risikolose Aufgabe übernimmt, die Karawane gegen Überfälle zu verteidigen.

Der Karawanenmeister warnte mich eindringlich davor, als Wächter zu reisen – schon einige hätten sich überschätzt und Fernwest nicht lebend erreicht. Wollte der mich beleidigen? Leicht verärgert erklärte ich ihm, wer ich bin, und verließ den Raum als neuer Karawanenwächter. Draußen warteten schon viele: Reisende, Händler, frische Zugtiere und auch andere Wächter.

Einer der Händler, sein Name war Chen Chuei, kam zu mir, um mir seine Papierfiguren anzudrehen. Als Kämpfer interessierte mich dieser Spielkram natürlich nicht und ich hatte nur Augen für seine Waffe, auch wenn sie nicht käuflich zu erwerben war: Ein geteilter Knüppel, dessen beide Teile mit einer Kette verbunden waren. Man kann ihn seinem Gegner bestimmt besonders schwungvoll über den Schädel hauen, worauf der erstmal nur noch Sterne sieht.

Endlich hatte das Warten ein Ende, als die Karawane aus Fernwest in Sichtweite kam und bald darauf den Sammelplatz erreichte. Es dauerte nicht lange, bis sich eine neue Karawane in die Gegenrichtung formierte, denn viele Reisende hatten es eilig.

Ich suchte mir einen Platz auf einem Ochsenkarren und nutzte die Zeit bis zum ersten Rastplatz mit der Pflege meiner Ausrüstung. Der Rastplatz lag am Fuße eines großen Gebirges und ich stieg vom Karren, um die Gegend näher zu erkunden. Von Zivilisation jedoch keine Spur. Nur eine Höhle war es wert, näher untersucht zu werden. Jedoch fand sich dort lediglich ein Schrein. Vielleicht für einen Kleriker eine große Entdeckung, aber nicht für mich. Die Überraschung gab es, als ich die Höhle wieder verließ: Die Karawane war ohne mich weitergezogen. Mir blieb nichts weiter übrig, als auf die nächste zu warten.

Nach ein oder zwei Ewigkeiten konnte ich meine Reise fortsetzen. Die vorüberziehende Landschaft war zwar nicht gerade abwechslungsreich – nur Felsen und Steine bis zum Horizont – aber unterhaltsamer als alleine in einem Schrein zu sitzen, war es allemal, besonders als die Karawane von einigen Bakemonos überfallen wurde. Endlich gab es etwas zu tun. Schnell hatten die Angreifer ein Einsehen und ergriffen die Flucht. Bei der von ihnen zurückgelassenen Ausrüstung fand ich einen ordentlich verarbeiteten Dolch, mit seiner Größe schon an der Grenze zum Kurzschwert. Die sehr kräftige Klinge eignete sich sicherlich für einen tödlichen Stoß auch bei einem gut gepanzerten Gegner, so dieser denn unaufmerksam ist und sich eine Blöße gibt.

Der nächste Rastplatz lag inmitten einer Einöde. Diesmal blieb ich bei der Karawane, um diesen Ort so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Die Ochsenkarren durchquerten bald eine Steppe, kaum freundlicher als die Steinwüste, die am Horizont verschwand. Ich schlief ein und wachte erst auf, als die Karawane sich am Sammelplatz in Fernwest auflöste. Ein Beamter überprüfte meine Papiere und ich konnte meinen Weg zu Fuß fortsetzen. Allerdings wollte dieses flache Land kein Ende nehmen. Ich wanderte in nordwestlicher Richtung durch eine Ebene, die langsam, aber unaufhaltsam feuchter wurde. Die bedrückende Stimmung besserte sich erst, als die ersten Berge in Sichtweite kamen.

Das Gebirge

Mein Plan war, zuerst Konfusius zu besuchen, den ich schon lange nicht mehr gesehen hatte. So ein kleiner Abstecher ins Gebirge kann eigentlich nie schaden. Erst danach wollte ich in Richtung Xian marschieren, ohne dabei aber die Gegend links und rechts vom Weg zu vernachlässigen.

In einem Schilffeld, an dem ich vorbeikam, sah ich einen Menschen, der mit merkwürdigen Verrenkungen die dort lebenden Tiere durch die Gegend scheuchte. Der Kleidung nach zu urteilen musste das wohl ein Karateka beim Üben sein. Was der da veranstaltete, sah wirklich gefährlich aus – gefährlich für ihn selbst, wo doch schon jeder Gra´Takal aus eigener Erfahrung weiß, wie leicht man sich bereits mit einem nicht ganz gelungenen Kniestoß die Nase brechen kann. Einfach unverantwortlich, dass die Vorgesetzten dieser Karatekas so eine Praxis tolerieren. (Nicht vom eigenen Ungeschick auf das der anderen schließen. – Anm. d. Schreibers) Ich hielt von diesem Hampelmann lieber einen größeren Abstand und betrat das Schilffeld sicherheitshalber erst gar nicht.

Bald darauf erreichte ich eine Brücke über einen größeren Fluss. In südlicher Richtung waren bereits die ersten Häuser von Xian, der Hauptstadt der Ebene, zu erkennen, aber meinem Plan folgend überquerte ich die Brücke, um ins Gebirge zu gelangen. An einer Kreuzung bog ich nach Nordosten ab und konnte endlich das Tiefland verlassen. Nach einem anstrengenden Marsch erreichte ich eine Hochebene, die mich sehr an meine Heimat erinnerte. Bis zu Konfusius war es jetzt nicht mehr weit. Zu meinem Entsetzen berichtete mir der Gelehrte, der mir schon entgegenkam, als er mich hörte, dass ihm wieder einige Schriftrollen gestohlen worden sind. Genau die gleichen Schriftrollen, die ihm schon einmal abhandengekommen waren und die ich ihm bei einer meiner früheren Reisen nach Fernwest wiederbeschafft hatte. Doch jetzt fehlte mir leider die Zeit, um ihm nochmal zu helfen. Vielleicht könnte sich ja ein Gra´Takal um die Diebe kümmern.

Ich blieb nicht lange und machte mich auf den Rückweg nach Süden. Abgesehen von den Dieben, die hier immer noch ihr Unwesen treiben, ist dieser Teil von Fernwest mit seinen Klöstern und Tempeln eher ein Ort für radikale Pazifisten. Inzwischen verlangte meine ausgetrocknete Kehle ihren Tribut und ich betrat einen alten Gasthof. Dummerweise verlief ich mich in den nicht mehr genutzten Teilen des schon halb verfallenen Gebäudes und stürzte in einen Keller voller Karatekas. Bei genauerer Betrachtung entpuppten sie sich als Untote, die offensichtlich dazu verdammt waren, hier ewig ihre Hampeleien zu üben und es doch zu nichts zu bringen. Schnell verließ ich den Keller wieder und konnte endlich den Staub der Steppe mit einem Reisbier hinunterspülen. Nach einem weiteren Reisbier, um unterwegs nicht verdursten zu müssen, verließ ich den Gasthof und erreichte wieder die Kreuzung.

Der Weg nach Xian

An der Kreuzung ging es erstmal nach Nordwesten in Richtung Steineichenwald. Ich wollte auch noch Lan Wun, den Dorfarzt, besuchen. Bevor ich aber das Dorf erreichte, hörte ich in einer Hütte am Wegesrand das Klagen einer jungen Frau. Ich betrat die bescheidene Behausung und fragte die Frau nach ihrem Problem. Sie erzählte mir eine schreckliche Geschichte von einem Mann, der sich wohl als rechte Hand des Teufels bewerben wollte. Ich versprach ihr, mich darum zu kümmern, sobald ich meinen Auftrag hier in Fernwest erledigt hätte.

Die Geschichte beschäftigte mich immer noch, als ich das Dorf erreichte. Irgendwie passte es zu meiner Gemütsverfassung, dass ich hier erfuhr, dass dem Dorfarzt mal wieder wichtige Dinge fehlten, die irgendwelche Lausebuben versteckt hatten. Was blieb mir übrig, als den anwesenden Eltern eindringlich die Bedeutung einer guten und auf Disziplin orientierten Erziehung zu verdeutlichen. Wer den Nachwuchs nicht im Griff hat, braucht sich nicht zu wundern, wenn nur Diebesgesindel heranwächst. Den Vorschlag, einmal das Struv zu besuchen, um dort von einem Unteroffizier praktische Erziehungsmaßnahmen bei Krakh´Getres demonstriert zu bekommen und vielleicht sogar gleich ihre älteren Söhne oder Töchter zwecks gründlicher Ausbildung dazulassen, lehnten sie allerdings ab. Vermutlich war der Weg zu weit.

Ich prüfte meine Ausrüstung auf Vollständigkeit und verließ das Dorf nach Südosten. Es dauerte nicht lange, bis ich wiederrum die Kreuzung erreichte. Jetzt ging es endgültig nach Xian. Ich überquerte den Fluss ein zweites Mal und wanderte durch die Reisfelder vor der Stadt. Kurz vor dem Stadttor fand ich einen Trampelpfad, der am Rand der Reisfelder nach Westen führte. Neugierig folgte ich ihm, denn vom Damm durch die Reisfelder aus waren in dieser Richtung nur noch mehr Reisfelder und der Fluss zu erkennen.

Der Pfad endete vor einer Schilfhütte, in der ein Seher wohnt. Weiter zum Fluss hin wuchs kein Schilf mehr, sondern man watete durch Schlamm. Ich machte einige vorsichtige Schritte in das flache Wasser am Ufer hinein, um mich zu überzeugen, dass es hier nichts Sehenswertes mehr gab, als ich plötzlich ausrutschte und mich in tieferem Wasser wiederfand. Dort erfasste mich die Strömung, und der Kampf mit dem tödlichen Element begann. Leider trug ich noch meine schwere Rüstung, an Schwimmen war so nicht zu denken. Ich verlor das Bewusstsein.

Als ich wieder aufwachte, konnte ich nicht sagen, wieviel Zeit vergangen war. Offensichtlich befand ich mich weiter flussabwärts. Ich suchte meine Sachen zusammen und schaute mich um. Doch kaum war ich einige Schritte landeinwärts gegangen, sprang ein Mann aus dem Dickicht hervor und griff mich an. Da entdeckte ich auch eine Fahne auf einem kurzen Mast mit einem Drachenkopf und gekreuzten Schwertern. Ich war wohl mitten in das Versteck von Flusspiraten gestolpert. Aber entweder hatten die nichts gegessen oder sie konnten noch nie wirklich kämpfen. Denn nach ein paar schnellen Schlägen mit meiner Keule konnte ich mich im Lager in Ruhe umsehen und entdeckte erstmal nur Lumpen. Besonders erfolgreich waren die Piraten bei ihren Beutezügen nicht gewesen.

Die meisten hatten als Waffe eine Art übergroße Gabel gehabt, die ich als Zyn einordnen würde. Vielleicht sollte sich mal ein Hobbit dieses Ding anschauen. Die kennen sich ja mit Messern und Gabeln (und überhaupt mit Besteck im Allgemeinen) besonders gut aus. Einzige Ausnahme war eine Hellebarde mit einer tellerförmigen Klinge. Ohne dass ich mich mit dieser Art von Waffen besonders gut auskenne, hatte ich den Eindruck, dass die Hellebarde durchaus geeignet ist, einen angeschlagenen oder überraschten Gegner mit einem einzigen kräftigen Hieb ins Jenseits zu befördern. Wobei ich mich frage, was ein Pirat damit will – dies ist eher nützlich für einen Attentäter. Aber die Piraten schienen mir sowieso nicht besonders helle.

Ein größeres Problem als die Piraten war für mich der Rückweg: Das riesige Schilfdickicht war unpassierbar, der einzige Weg ging zurück über den Fluss. Diesmal konnte ich mich aber vorbereiten. Meine Rüstungsteile schnürte ich zu einem Paket, um so besser schwimmen zu können. Mit dem Mut, den nur ein Trves haben kann, stürzte ich mich in die kalten Fluten und kämpfte gegen die Strömung an. Nach endlosen zehn Minuten erreichte ich das andere Ufer weiter flussaufwärts an der gleichen Stelle, an der ich zuvor ins Wasser gefallen war. Versuche, vorher den Fluss zu verlassen, scheiterten am dichten Schilfgürtel. Nachdem ich mehr Wasser geschluckt hatte als im ganzen vergangenen Jahr, war ich froh, dass ich schnell eine Kneipe in Xian fand, in der ich mich wieder aufwärmen konnte.

Xian und die Karategilde

Gleich nebenan befand sich das Karate-Dojo, wie es von den Karatekas genannt wird. Hier sollte meine Reise ihren ersten Höhepunkt haben: Ich wollte mich mit Funakoshi, dem ranghöchsten Karateka, messen. Sorgfältig wählte ich Rüstung und Waffe und betrat das Dojo. Funakoshi wollte sich zwar vor einem Kampf drücken, aber ich machte ihm klar, dass ich darauf auf jeden Fall bestehen würde. Ich war voll konzentriert, als der Kampf begann – und ich eine riesige Enttäuschung erlebte. Funakoshi fehlte es einfach am Kampfwillen. Ohne dass er mir auch nur ein Haar krümmte, schickte ich ihn ins Reich der Toten. (Wer´s glaubt … Ich glaub´s nicht. – Anm. d. Schreibers) Der war wirklich der letzte Willie.

Leicht irritiert verließ ich das Dojo, stärkte mich nochmal in der Kneipe und ging zum großen Marktplatz im Zentrum der Stadt. Von dort führten drei Straßen weiter. Ich wählte die Straße nach Westen, eine belebte Geschäftsstraße, die am Palast endete.

Als ich den Palast erreichte, stürzte mir ein blutender Karateka entgegen, der ganz augenscheinlich einen Streit mit den Palastwachen gehabt hatte. Neugierig ging ich zu den Wachen und sprach sie auf den Karateka an, um zu erfahren, was der Grund für den Streit war. Doch irgendwas mussten sie falsch verstanden haben (schwerhörig?). Sie hielten mich wohl für einen Freund dieses Karatekas (und dumm noch dazu?) und griffen auch mich an. Durch den unerwarteten Angriff dieser fünffachen Übermacht gelang es mir nur, zwei von ihnen niederzustrecken, bevor ich einen taktischen Rückzug antreten musste. Mit neuen Kräften zeigte ich dann den restlichen Samurais, was ich von solchem Benehmen halte.

Ich hätte dem Herren des Palastes und dieser Wachen gerne das gleiche mitgeteilt, doch irgendeine Magie verhinderte, dass ich den Palast betrat. So wandte ich mich der Ausrüstung der Wachen zu. Die Rüstungen sahen ja beeindruckend aus, doch zeigte sich bei genauerer Betrachtung, dass man auch in Fernwest keine Wunder vollbringt. Im Gegenteil, für den eher mäßigen Schutz waren sie für meinen Geschmack zu schwer, da kannte ich Besseres. Alle Samurais waren einheitlich mit einer merkwürdigen Waffe ausgestattet, einer Mischung aus Schwert und Speer: Eine längere Klinge an einem langen Stock, für meine Körpermaße wieder mal viel zu lang. Eine Parierstange war nicht vorhanden und wäre sicher auch sehr unpraktisch gewesen, stattdessen lassen sich Angriffe mit dem langen „Griff“ parieren.

Gleich neben dem Palast befand sich ein Waffenladen, den ich mir nun näher anschaute. Er gehörte Todamori Yoshi. Todamori stand in voller Rüstung in seinem Laden, der allerdings nicht viel zu bieten hatte. Nur das Schwert Todamoris erregte meine Aufmerksamkeit. Schon auf den ersten Blick war zu erkennen, dass es von besonderer Qualität war und bestimmt nicht aus irgendeiner Orkschmiede stammte. Doch Todamori weigerte sich beharrlich, mir das Schwert für eine nähere Untersuchung in die Hand zu geben. Auch ein Hinweis auf die Bedeutung meiner Untersuchungen für das Struv half nicht. Ich solle doch bitte seine Zeit nicht mit solchen Dingen verschwenden, sondern entweder etwas kaufen oder verschwinden. Um den Laden nicht mit ganz leeren Händen zu verlassen, fragte ich ihn noch nach den Gerüchten, er sei das Oberhaupt einer Ninjavereinigung. Doch da war bei ihm wohl das Fass übergelaufen: Er warf wilde Beleidigungen nicht nur gegen mich, sondern auch gegen das Struv. Damit hatte er sein Leben verwirkt. In dem Schwert hatte ich mich übrigens nicht getäuscht. Mir schien, dass Mord sein Hobby war. Jedenfalls hatte er die richtige Ausrüstung dafür.

In der Zwischenzeit hatte sich eine kleine Schlange von Karatekas vor dem Laden gebildet, die nun laut jammerten, dass sie hier jetzt nichts mehr verkaufen könnten. Ich schob sie beiseite und ging zurück zum Marktplatz.

Der südliche Teil Xians

Da es im Osten der Stadt außer den Armenvierteln nicht viel gab, blieb nur noch der südliche Teil zu erforschen. Bald fand ich einen Eingang zur Unterwelt der Stadt, den berüchtigten Katakomben. Es brauchte einigen Mut, sich in die dunklen Gänge zu wagen, denn die Decke war nicht abgestützt und die Wände aus Erde waren feucht. Mit Sicherheit kein Werk von Zwergen, sondern der hier in Fernwest lebenden Menschen, denen jegliche Begabung für den Bergbau fehlt. Denn einfach mit Schaufel oder Spitzhacke einen Gang zu graben, reicht eben nicht aus.

Doch diese Gedanken waren jetzt fehl am Platz. Als ich mich wieder mehr meiner Umgebung zuwandte, stellte ich fest, dass ich mich verlaufen hatte. Ich hatte es versäumt, eine Karte anzufertigen. So musste ich nun erstmal einen Ausgang suchen. Nach einiger Zeit sah ich einen Lichtschein hinter einer Ecke, den ich mir näher anschauen wollte. Plötzlich stand ich einem Dieb gegenüber, der mich – ich stand vor ihm in voller Rüstung und gut bewaffnet – entsetzt anstarrte und nur Sekundenbruchteile später in panischer Hast in einem finsteren Gang verschwand.

Ob ich ihn nach einem Diebstahl ertappt hatte? Ich ging in die Richtung, aus der er gekommen war, und erreichte schon nach wenigen Schritten eine Treppe, die in das Haus eines Magiers führte. Endlich wusste ich wieder, wo ich bin. Sofort besorgte ich mir etwas zum Schreiben, um eine Karte erstellen zu können. Ich wollte die Katakomben wieder durch den gleichen Zugang betreten wie beim ersten Mal. Dummerweise war ich aber an dem Haus vorbeigelaufen. Doch die Katakomben würden auf mich warten. Ich schaute mich erstmal in diesem Teil der Stadt noch etwas um.

Ein Laden, der keine Waffen oder Rüstungen führte, war für mich nicht interessant. Ich marschierte weiter und kam zu einem Teehaus. Unwillkürlich dachte ich an den Tee mit Rum aus meiner Stammkneipe und trat ein. Doch dies hätte ich besser nicht getan, denn von Alkohol war dort keine Spur zu finden, es gab nur Tee pur. Zu allem Überfluss bestand der Hausherr darauf, dass ich an einer elendig langen Zeremonie teilnehme. Als angehender General wollte ich mir die Unhöflichkeit nicht erlauben, vorzeitig zu gehen, auch wenn solch schlechtes Benehmen leider immer öfter beim Nachwuchs zu beobachten ist. Ich möchte hier nur an manche Krakh´Getres erinnern, die bei einem Saufgelage in der Struvkneipe einfach so aufstehen und verschwinden, als ob man vor einem Bierkrug Angst haben müsste. Solche Gedanken beschäftigten mich, bis ich das Haus endlich verlassen konnte. Überraschenderweise fühlte ich mich gestärkt, auch wenn das nicht über den Mangel an Alkohol hinwegtäuschen konnte.

Der Dai Wong Long

Noch weiter im Süden grenzte die Stadt an einen Fluss. Nach meinen schlechten Erfahrungen vor Xian ging ich vorsichtig die Uferstraße entlang und hielt größtmöglichen Abstand vom Wasser, bis mir ein Drache den Weg versperrte. Ein Drache fast mitten in der Stadt? Ich erinnerte mich an die Geschichten über die Drachen der Schreckensspitze, die mir meine Eltern erzählt hatten. Bestimmt war dieser Drache auf einem Beutezug und ich kam gerade noch rechtzeitig, bevor er die Stadt erreichte. Für jeden wahren Trves gab es deshalb nur eine Wahl: Die Stadt zu beschützen und dem Drachen den Garaus zu machen. Der Drache behauptete zwar, dass er den Einwohnern gar nichts Böses wolle, doch ich ignorierte seine Lügen und griff an.

Die Hiebe meiner Axt schlugen tiefe Wunden. Der Drache erschien zuerst unfähig, dem etwas entgegenzusetzen. Ich war mir daher meines Sieges schon gewiss, als plötzlich ein gewaltiger Blitz vom Himmel auf mich herniederfuhr. Nur mit Mühe konnte ich durch einen schnellen Sprung ausweichen. Doch ein zweiter Blitz traf mich, bevor ich wieder einen sicheren Stand hatte. Das gleißende Licht blendete mich zudem, sodass ich beinahe in den Fluss gefallen wäre, als ich mich schwer verwundet zurückziehen musste. Immer noch blind tastete ich mich den Weg entlang. Zum Glück gab es in Xian einen Heiler, der mir das Augenlicht wiedergeben konnte. Hätte ich allerdings nicht mehr genau gewusst, wo er zu finden war, ich hätte ihn in meinem Zustand sicher nicht ohne fremde Hilfe gefunden.

Nach einem längeren Kneipenbesuch war ich bereit für einen zweiten Angriff. Aber wieder wurde ich von einem Blitz geröstet. Ich vermisste sehr die staubig trockene Schutzschicht auf meiner Haut, die ich beim unfreiwilligen Bad verloren hatte. Doch so leicht war mein Kampfeswille nicht zu brechen. Ein ums andere Mal griff ich an, bis ich endlich den Todesstoß ansetzen konnte. Sein lebloser Körper fiel zu Boden. Aber seine Magie war immer noch stark und hinderte mich daran, der Uferstraße zu folgen. Es blieb mir nichts weiter übrig, als zurückzugehen. Als ich mich umdrehte, erblickte ich ein Glitzern im Wasser, das nicht von den Wellen stammte. Ich schaute genauer hin und entdeckte den Schatz des Drachen am Grund des Flusses. Was für ein gemeines Versteck. Doch nach dem ich heute schon einmal gebadet hatte, war nichts mehr zu verlieren. Ich tauchte hinab und holte den Hort ans Ufer.

Das meiste waren Edelsteine und andere Wertgegenstände, die ich nicht gebrauchen konnte. Eine viel zu schwere Rüstung lies ich gleich liegen. Den Rüstungsschmieden in Fernwest scheint die Bedeutung eines geringen Gewichts der Rüstung im Kampf nicht klar zu sein. Nur ein Schwert machte einen brauchbaren Eindruck. Die Klinge war aus einem hervorragenden Material und konnte eine sehr scharfe Schneide halten. Sie war auch für einen tödlichen Stoß gut geeignet, eine passende Waffe für einen Mörder. Auf dem Weg zur Kneipe ging mir nicht aus dem Kopf, dass ich hier mit auffällig vielen Dieben und Mördern oder zumindest deren Ausrüstung zu tun hatte. Der Eindruck von einem zivilisierten und friedlichen Land, den ich zu Beginn meiner Reise gehabt hatte, war trügerisch gewesen.

Die Katakomben

Nach ein paar Stunden Schlaf machte ich mich auf den Weg zu meinem letzten und größten Abenteuer während dieser Reise. Bisher war ja noch nicht viel passiert. Die Katakomben versprachen aber alles, wovon man nur in Alpträumen träumen kann. Mit der Karte, die ich mir zeichnete, fand ich mich schnell in dem Labyrinth der Gänge zurecht. Vorbei an Ratten, Gespenstern und unsichtbaren Wesen führte mich mein Weg tiefer in die Katakomben hinein, bis ich zu einer Art Röhre kam, durch die ich weiter nach unten kam. Offensichtlich hatten die Katakomben mehr als eine Ebene.

Ein untoter Samurai mit gar nicht so schlechter Ausrüstung war froh, endlich im Kampf sterben zu können. Skelette griffen mich an, deren Knochen aber unter meinen Schlägen wie Glas zersplitterten. Ein weiteres unsichtbares Wesen wollte mein Blut, aber vermochte nicht, mich aufzuhalten. Schließlich kam ich zu einer Grabanlage. Wagemutig drang ich ein, doch beinahe wäre ich ein eine Falle getappt. So leicht lasse ich mich aber nicht erwischen. Skelette in ihren Grabnischen schienen mich zu beobachten, als ich mich einer Tür näherte. Bevor ich den Türgriff berühren konnte, setzten sie sich in Bewegung. Aber die Zeit hatte ihre Knochen morsch werden lassen. Bald waren sie Teil des Staubs am Boden.

Hinter der Tür erwartete mich ein reich ausgestattetes Grab mit verwirrend vielen Details. Hier war bestimmt kein einfacher Bauer beerdigt. Es kostete mich einige Zeit und ein paar Kämpfe mit lebenden Statuen, bis ich in eine Waffenkammer vordringen konnte. Ein Elf hätte sich vielleicht über die Speere gefreut, für mich war allerdings nichts dabei. Südlich der Waffenkammer hatte ich endlich mein Ziel erreicht: Zwei Sarkophage warteten darauf, von mir geöffnet zu werden.

In dem einen lag eine Jademumie, die mich sofort angriff. Ernsthaften Widerstand konnte sie aber nicht leisten. Sie hatte außer einer Rüstung ganz aus Jade, der man einen magischen Schutz nachsagt, zwei Waffen dabei. Ein Kampffächer, wohl etwas für Hobbits, und ein sehr handliches Schwert, mit dem sich ohne Schwierigkeiten schnelle und trickreiche Bewegungen durchführen lassen, waren beide von guten Mächten erfüllt und machen einen Besuch dieses Grabs sicher lohnenswert.

Als ich den anderen Sarkophag öffnete, entwich daraus ein Geist, dem diese Ruhestörung auch nicht gefiel. Ich stellte schnell fest, dass er durch meine Waffen kaum zu verletzen war. Ein prüfender Blick offenbarte mir aber doch eine ganz kleine Schwäche in seiner Verteidigung. Ich zog mich erstmal zurück, um meinen nächsten Angriff besser zu planen. Mein Waffengürtel gab leider nichts Passendes her. Zum Glück fand ich in meinem Beutel noch ein Beil, das geeignet erschien. Und in der Tat konnte ich dem Geist damit sogar sehr harte Treffer zufügen. Jetzt war der Sieg nicht mehr weit. Als der Geist sich auflöste, fiel ein Fächer zu Boden. Er war allerdings kein Kampffächer, so ließ ich ihn liegen.

Nachdem ich das Grab verlassen hatte, wollte ich noch unbedingt einen Gang erkunden, an dem ich vorher vorbeigelaufen war, denn er war etwas anders als die anderen Gänge. Nach einigen Metern kam ich zu einer Leiter, die nach unten führte. Am Ende der Leiter ging es über viele Stufen noch tiefer. Es erinnerte mich kaum noch etwas an die Katakomben in Fernwest. Ich vermutete, dass ich mich hier schon in der Unterwelt befand. Bevor ich umkehrte, um über die lange Treppe wieder nach Fernwest zu kommen, ruhte ich mich noch etwas aus. Als ich aufstand, verlor ich plötzlich die Orientierung. Ob ich aus Versehen einen magischen Mechanismus ausgelöst hatte? Ich befand mich auf einmal ganz woanders. Mir war schwindlig und ich stolperte. Um die Verwirrung perfekt zu machen, wurden die Wände von einem Moment auf den anderen viel feuchter. Was für eine üble Magie war das? Ich schaute mich erstmal in Ruhe um. Ich befand mich in einem dunklen Gang, der mir irgendwie vertraut schien. In der Nähe rauschte ein unterirdischer Fluss. Ich ging ein paar Schritte um die nächste Biegung des Ganges, um einen trockeneren Fleck zu erreichen. Da erkannte ich, wo ich war: In den Minen von Moria. Hierhin hatte mich mein Vater gelegentlich mitgenommen hatte, als er noch hier gearbeitet hatte. Wenige Minuten später war ich in der Osterbachschlucht und bald danach zu Hause.

Anhang: Karte der Katakomben

(Die Karte habe ich weggelassen. Bei den vielen Fehlern hätte sie einen doch nur in die Irre geführt. Dass Wark den Weg durch die Katakomben gefunden hat, war wohl mehr Glück als Verstand. Aber wann ist das bei einem Zwerg eigentlich nicht der Fall? – Anm. d. Schreibers)

Takal´Mor Wark, 2000-03-06